Chios

26. Dezember 2015 – 6. Jänner 2016

Nachdem ich, Sarah keine zwei Wochen nach meinem ersten Einsatz wieder zuhause war, startete ich gemeinsam mit Stefan am 26.12.2016 den nächsten Einsatz. Mit einem großen Auto, gefüllt mit Kleidung, machten wir uns auf den Weg nach Athen, um von dort aus mit der Fähre auf die Insel Chios zu fahren. Die Situation auf Chios war mit der auf Lesbos zu vergleichen, allerdings erreichten weniger Flüchtlinge die Insel und das Helfer_innennetz war viel dünner. Außerdem mussten wir feststellen, dass neben den Organisationen, die sich um die Infrastruktur kümmern (UNHCR, NRC, Samaritans Purse), keine NGO´s zur Versorgung der Menschen vorhanden waren. Diese lag alleine in der Hand Freiwilligen.

Als wir Chios in den frühen Morgenstunden erreichten, suchten wir uns noch ein Hotel, bevor wir uns die Flüchtlingscamps näher ansahen. Auf der Insel gab es das „Registrationcamp Tabakika“, dort wurden die Menschen von der griechischen Polizei registriert und Übernachtungen waren verboten. Weil die Registrierung aber oft mit langen Wartezeiten verknüpft war, waren viele Menschen dazu gezwungen in der alten Halle des Registrierungscamps auf dem Boden zu schlafen. Es war Ende Dezember und die Tage, aber vor allem die Nächte waren noch sehr kalt. Im Registrationcamp gab es außerdem eine Kleiderausgabe, die von Volontär_innen betrieben wurde, hier wurde einmalig an die Menschen Kleidung ausgegeben. Allerdings nur, wenn diese noch nass waren oder ihnen wichtige Kleidungsstücke fehlten. Daneben befand sich die Rot Kreuz Station, hier arbeiteten ein spanisches Team, bestehend aus einem Arzt und drei Krankenschwestern von 8:00 Uhr bis 17:00 Uhr freiwillig.

Bei unserer Ankunft im Registrationcamp wurde Stefan, aufgrund seiner Sanitäter- und Krankenpflegeausbildung sofort ins Team des Roten Kreuzes aufgenommen und es ergab sich für ihn die Möglichkeit nun täglich in der medizinischen Versorgung zu arbeiten. Seine Arbeit war abwechslungsreich und reichte von den Aufnahmegesprächen, über die Reinigung der medizinischen Utensilien bis zur direkten Versorgung der Menschen. Für die Aufnahmegespräche lernte er die dafür wichtigsten Phrasen in arabisch und farsi. Er berichtete von schwangeren Frauen, von Babys, die im Windelbereich völlig wund waren, weil die Mütter keine Windeln hatten, um sie zu wickeln und von vielen Menschen mit richtig starken Erkältungen. Diese verwunderten ihn aber nicht, weil es sehr kalt war und fast alle Flüchtlinge bei der Überfahrt mit dem Schlauchboot nass wurden oder einige sogar nicht einmal Schuhe besaßen. Ein junger Mann erzählte ihm, dass er und seine Mutter vier Stunden im Meer geschwommen sind. Generell war die Medizinsation sehr provisorisch ausgerichtete und Hygienemaßnahmen konnten nicht immer eingehalten werden, aber das Medizinteam leistete großartige Arbeit.

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Während Stefan am ersten Tag medizinisch eingeschult wurde, begann ich unsere Kleiderspenden ins Camp zu bringen und sortierte mit anderen Volontär_innen die Kleidung, die später bei der Ausgabe für die Flüchtlinge verwendet wurde. Außerdem nahmen wir uns die Zeit, um die anderen Camps kurz kennen zu lernen. Es gab das Camp „Souda“, da kamen die Menschen nach der Registrierung hin und blieben ein paar Tage, bis sie sich ein Fährenticket nach Athen kauften. Das Camp bestand aus zwei großen weißen Zelten für Einzelpersonen und kleineren weißen Hütten für die Familien. Zusätzlich gab es zwei Notfallscamps, die aber nur in Verwendung waren, wenn die anderen zwei belegt waren.

Am ersten Abend nahmen wir an dem täglichen Meeting der independent Volunteers teil. Hier wurden die Schichten für die Küste eingeteilt und der Aufgabenbereich besprochen.

In Chios kamen fast täglich (meistens in der Nacht) Flüchtlinge in Schlauchbooten an, die von den Volontär_innen an Land geholt und versorgt wurden. Das heißt wir starteten zu zwei los, packten das Auto voll mit Kleidung, Wasser und Bananen und fuhren an der Küste Patrouille. Wenn ein Boot ankam, ging es darum einen generellen Überblick über den Zustand der Menschen zu bekommen und danach begannen wir die Kinder in trockene Kleidung zu stecken. Viele von ihnen waren bis zum Hals nass, wir mussten schnell sein, denn eine Unterkühlung kann bei Kindern lebensbedrohlich sein. Die Erwachsenen bekamen Socken und einen Plastiksack darüber, damit sie in die nassen Schuhe steigen konnten. Alle die über das Knie hinaus nass waren, bekamen auch eine Hose. Die Volontär_innen riefen einen Bus an und dieser brachte die Menschen ins Registrierungscamp. Ich schloss mich mit einer zweiten Volontärin zusammen und wir machten Nachtschichten an der Küste.

Die Tage auf Chios waren unglaublich abwechslungsreich und ein hohes Maß an Flexibilität war erforderlich. Beispielsweise kamen zwei Nächte lang wegen des Sturmes keine Menschen an, weswegen wir weniger zu tun hatten und zu Neujahr kamen plötzlich 2000 Menschen in einer Nacht an! Während Stefan seine Dienste in der Medizinstation machte, arbeitete ich in den verschiedensten Bereichen. Ich kaufte mit einer Gruppe von deutschen Volontär_innen mit dem Spendengeld einen riesen Vorrat an Lebensmittel ein und wir bereiteten etwa 1000 Sandwiches täglich zu und verteilten sie in den Camps – immerhin gab es von offizieller Seite keine Essensausgabe. Außerdem war ich bei der Kleiderausgabe im Registrierungscamp tätig, wo wir leider keine Männerschuhe mehr hatten, weswegen einige Personen barfuß bleiben mussten. Ich chauffierte mit dem Auto Rettungsdecken zu den Rettungsbooten und Kleidung vom Warehouse in die „Zentrale“ der independent Volunteers, wo wir uns für unsere Nachschichten mit Kleidung ausrüsten konnten. Des Weitern war ich an einem Tag, mit sehr vielen ankommenden Menschen gemeinsam mit zwei Kolleg_innen für das Notfallscamp am Hafen zuständig. Wir versorgten dort etwa 200 Menschen mit Schlafsäcken, Regenponchos, Sandwiches und Kleidung. Das Camp bestand aus einem großen weißen Zelt, wo am Ende des Tages so viele Menschen drinnen waren, dass ich über sie drüber steigen musste, als ich den unterkühlten Kindern Decken bringen wollte. Generell habe ich sehr viele Kinder in trockene Kleidung gepackt, während ich die Zeit dazwischen immer nutzte, um Ordnung in das kleine Kleiderlager zu bringen.

Bei der Arbeit an der Küste stellte sich die Kälte als das größte Problem heraus. Deswegen lies ich oft Frauen im Auto umziehen und Frauen mit Babys im beheizten Auto auf den Bus warten. Auch ein Grieche stellte seinen Vorraum für Kinder zur Verfügung, innerhalb kürzester Zeit war dieser gefüllt und das Weinen von Babys war zu hören. Einmal holte ich Stefan von seinem Dienst ab, als uns die Nachricht erreichte, dass ein Boot angekommen ist und niemand dort ist, um die Menschen zu versorgen. Wir reagierten sofort und machten uns entlang der Küste auf die Suche, glücklicherweise konnten die Flüchtlinge bereits selbst an Land gehen. So standen wir also da, zu zweit, mit einem Auto voller Kleidung und 60 nassen Menschen. Ein Mann und ein Kind weinten furchtbar. Aber da sich immer Menschen fanden, die übersetzten, konnte eine schnelle Versorgung gewährleistet werden. Wir schafften es auch, zuerst Kinder und Frauen zum Bus zu bringen und erst danach die Männer einsteigen zu lassen. Es ist bewundernswert, wie ruhig diese Leute in dieser Ausnahmesituation bleiben.

In Chios entstand außerdem ein „Suppenteam“, das die Menschen abends mit Suppe versorgte. Wir konnten dem Team dabei helfen, die Suppe zu den Camps zu bringen, indem wir deren Feldküche an unser Auto mit Anhängerkupplung anhängten. Somit lernte Stefan neben der medizinischen Versorgung auch die Arbeit an der Küste und die Suppenausgabe kennen. Unser Spendengeld verwendeten wir neben den Lebensmitteleinkäufen für Medikamente (600€), für 300 Paar Socken, 200 Rettungsdecken und zwei Tankfüllungen für die Patrouillenfahrten.

Am 6.1.2016 verließen wir Chios wieder und fuhren mit einem zufriedenen Gefühl nach Hause. Wir konnten hier in kürzester Zeit vieles leisten, unsere Sachspenden gut an die Leute bringen und unsere Spenden für Dinge ausgeben, die dringend benötigt wurden. Besser hätte der Einsatz nicht laufen können! Mit neuen Erfahrungen und dem Wunsch, diese zu teilen, kamen wir in Österreich nach einer langen Autofahrt wieder an.

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