Idomeni – Athen

7.Dezember – 15. Dezember 2015

Idomeni

Am 7. Dezember 2015 fuhr ich, Sarah, gemeinsam mit drei anderen Volontär_innen mit dem Shuttlebus von IHA von Wien bis zur griechisch/mazedonischen Grenze, nach Idomeni. Parallel startete ein zweiköpfiges Team mit einem Pferdehänger vollbepackt mit Zelten, Schlafsäcken, Isomatten, Rettungsdecken, Regenponchos, Schuhen und Essbesteck im Wert von circa 19 000€, mit dem wir uns in Idomeni treffen sollten. Mein erster Einsatz begann!

Zu dieser Zeit befanden sich etwa 3000 Menschen im Camp, die aufgrund der Grenzschließung für alle Menschen ausgenommen Syrer_innen, Iraker_innen und Afghan_innen in Idomeni festgehalten wurden. Bereits eine Woche davor kam es deswegen zu Hungerstreiks und Ausschreitungen, weshalb die NGO´s (ausgenommen MSF und Save the children) das Camp verlassen haben. Wir erkannten die dringliche Not der Menschen, die nun auf die Hilfe von Freiwilligen angewiesen waren und entschieden uns deswegen für diesen Einsatzort.

In Idomeni angekommen verschafften wir uns erst einmal einen Überblick vom Camp. Es war Anfang Dezember und der Wind verstärkte die Kälte. Die meisten Menschen schliefen in Wurfzelten, manche in abgestellten Waggons und wiederrum andere nutzten die wenigen großen weißen Zelten, die noch von UNHCR übrig geblieben waren. Es standen Dixi-WC´s in der Gegend, aber da diese nicht gereinigt wurden, benutzen die Menschen und auch wir, die umliegende Landschaft. Duschen gab es keine. Der Rauch von verbrennten Abfällen und Holz lag in der Luft. In einem Zelt wurde Tee gekocht und an die Menschen verteilt. Zum ersten Mal bekam ich den Stacheldrahtgrenzzaun zu Gesicht. Ein absurdes Bild, das ich so schnell nicht aus dem Kopf bekommen werde. Mitten in dieser wunderschönen Landschaft steht etwas völlig unnatürliches, ein Grenzzaun. Auf der griechischen Seite, Menschen die auf der Suche nach Schutz nun hier festhängen und auf der mazedonischen Seite Wasserwerfer, Panzer und bewaffnete Soldaten. Dieser Zaun passt nicht in meine Vorstellung von Europa.

Am Nachmittag traf eine Volontär_innengruppe aus Salzburg ein, mit der wir uns zusammenschlossen. Das Team rund um die Ärztin Susann Schmitz, begann eine mobile Medizinstation aufzubauen, um in erster Linie Kinder zu behandeln. Währenddessen begann ich, gemeinsam mit meiner Kollegin Christine in der provisorischen Küche des Camps Gemüse für die Suppe zu schneiden. Die Nacht verbrachten wir im Zelt. Trotz der zwei Schlafsäcke und ein paar Schichten Gewand war es kalt und ich fragte mich, ob die Flüchtlinge wohl auch so gut ausgerüstet sind wie ich.

Am nächsten Tag begannen wir Kleidung an Menschen zu verteilen, als das Camp plötzlich von der Polizei geräumt wurde. Dabei wurde es von den Polizist_innen eingekesselt und die Flüchtlinge wurden aufgefordert in Busse Richtung Athen zu steigen. Es lag zwar Anspannung in der Luft, aber glücklicherweise kam es zu keinen gewalttätigen Übergriffen. Uns Volontär_innen war der Zutritt nun zum Camp verboten. Christine und ich gelang es allerdings noch Vorräte aus der „Küche“ zu den Menschen in den Bussen zu bringen. Leider hatten wir kaum Wasser und wir konnten nicht annähernd alle mit Proviant versorgen. Manche Menschen versuchten sich zu verstecken oder zu Fuß los zu gehen, wir versuchten sie zu überzeugen, in die Busse zu steigen, da die Kälte in der Nacht lebensbedrohlich werden könnte.

Unser mittlerweile 12 köpfiges Team entschied sich nun ebenfalls nach Athen zu fahren – mit einem kurzen Zwischenstopp in Thessaloniki.

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Athen

In Athen angekommen, fuhren wir zum Taekwando Stadion, dass vorübergehend als Wohnraum für die Flüchtlinge genutzt wurde. Dort trafen wir auch auf unser 2 köpfiges Team und wir alle waren motiviert, unsere Sachspenden an die Menschen zu bringen. Allerdings wurde uns der Zugang zum polizeilich geführten Camp verwehrt.

Deswegen entschieden wir uns am nächsten Tag vor dem Stadion unsere Kleidung zu verteilen. Doch der Ansturm an Menschen war so groß, dass eine gezielte Spendenausgabe unmöglich war. Erst mit der Zeit konnten Kinder und Frauen zumindest teilweise ausgerüstet werden. Ich übernahm mittlerweile die Rolle der Babysitterin, damit die Kinder in der Menge nicht untergehen. Danach verschifften wir 5000 Rettungsdecken auf die Insel Chios, die dort dringend gebraucht wurden.

Ich verschaffte mir am späten Nachmittag einen Zugang zum Stadion. Dort lerne ich schwedische Volontär_innen kennen, über die es uns möglich gemacht wurde, unsere Spenden immer wieder zu den Leuten zu bringen. Im Stadium selbst habe ich mich nicht wohl gefühlt. Die Leute schliefen auf dem Boden, Gestank lag in der Luft, das Wasser der Toiletten stand in den Gängen und immer wieder kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, weswegen viele Menschen lieber im Freien schliefen. Für die Menschen gab es drei Möglichkeiten: 1. Rückführung ins Heimatland 2. Asylantrag in Griechenland stellen oder die illegale Methode, sich die Papiere fälschen zu lassen.

Während der Zeit in Athen kamen wir immer wieder ins Camp zurück, um Kleidung etc. an die Menschen zu bringen. Außerdem besuchten wir zwei besetzte Häuser, wobei eines zur Unterbringung von 140 Flüchtlingen genutzt wurde. Auch dort konnten wir wieder einen Großteil unserer Sachspenden an die Menschen bringen. Wir waren glücklich, dass es uns trotz der Steine, die uns in den Weg gelegt wurden, möglich war, die Güter sinnvoll zu verteilen und verschiede Organisationen zu unterstützen.

Wir verbrachten einige Tage im besetzten Haus “Notaria Squat“ und sortierten Kleidung. Dort gab es nämlich ein riesen Kleiderlager, aber die Menschen haben gefroren weil aufgrund der großen Unordnung nichts davon ausgegeben werden konnte. Vor unserer Abfahrt hatten wir das Lager aber soweit sortiert, dass es uns möglich war, vielen Personen Kleidung auszugeben. Außerdem haben wir zum Abschluss noch einen Essensvorrat für die Bewohner_innen des besetzten Hauses mit unseren Spenden gekauft.

Am 15.12.2015 wurden wir von unserem Shuttlebus wieder abgeholt und wir traten die Rückfahrt an. Die Kälte und die Anstrengungen der letzten Tage haben sich dann bemerkbar gemacht und ich verbrachte zwei Tage krank im Bett.

Dieser Einsatz war gefüllt mit neuen Eindrücken und Erfahrungen, hat mich einiges gelehrt und mir auch gezeigt, wie wichtig es ist, spontan, flexibel und kreativ zu sein. Ich habe wundervolle Menschen und interessante Geschichten kennen gelernt. Aber vor Allem hat mich die Motivation gepackt weiter zu machen und mir war klar, so lange sich die Situation nicht verbessert, wird das nicht der letzte Einsatz gewesen sein.

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