Idomeni Team 3

6. Mai 2016 – 20. Mai 2016

Lange ist der letzte Einsatz in Idomeni nicht her und die Aktion Weitblick war wieder am Start an der griechisch/mazedonischen Grenze. Dieses Mal waren wir ein vierköpfiges Team bestehend, aus Stefan, Sarah, Tamara und Hanni, wobei die ersten beiden bereits nach einer Woche wieder zurück nach Österreich mussten, während Hanni und Tamara noch weiter tätig sein konnten.

Hanni und Sarah, die bereits in Idomeni gearbeitet haben konnten sofort beim Betreten des Geländes eine Veränderung feststellen. Die Räumung der Gleise hat langsam begonnen, es waren nicht mehr so viele Menschen wie beim letzten Einsatz da – etwa 8000 Personen – und die Stimmung fühlte sich anders an. Man hatte den Eindruck, als würde hier langsam jede_r realisieren, dass die Grenzen nun wirklich geschlossen bleiben und dass das monatelange Ausharren vor dem Grenzzaun nicht das erwünschte Ziel mit sich brachte. Im ersten Moment war die Last der Menschen richtig spürbar, dann wurde Sarah herzlich von einem Mädchen, dass sie vom letzten Mal kannte, begrüßt und wir waren von der einen Sekunde auf die andere wieder mittendrinn im Geschehen. Nicht mehr Zusehende, sondern Akteur_innen. Wir begleiteten das Mädchen zu ihrer Familie und genossen das Wiedersehen, es war auch nicht die letzte Familie, die wir während des Aufenthaltes wieder trafen. So als wäre keine Zeit vergangen, hatten sie das Zelt noch auf der gleichen Stelle stehen und sie luden uns auf Tee ein. Nur an der Größe des ein paar Monate alten Sohns konnten wir bemerken, dass etwa ein Monat seit dem letzten Einsatz vergangen war und der Kleine doch ein Stück gewachsen ist. Das Wiedersehen war schön und gleichzeitig traurig, weil es aufgezeigt hat, dass sich in der Zwischenzeit für die Familie nichts verändert hat. Generell gab es aber schon Entwicklungen im Camp. Aufgefallen ist uns die Selbstorganisation der Menschen, beispielsweise haben sich viele der Menschen Feuerstellen gebaut, damit sie selbst kochen können, es gab auch Friseure unter den Flüchtenden, die ihre Dienste im Camp anboten und es gab Falafelstände. Diese haben uns sehr beeindruckt, weil die Menschen selbst Falafeln gemacht und dann in Form von Dürums verkauft haben. Nebenbei bemerkt waren das die besten Falafeln, die wir je gegessen haben. Trotzdem gab es noch viele Menschen, denen es nicht möglich war für sich zu kochen, weswegen wir uns dazu entschieden haben bei der Initiative Hot Food Idomeni mitzuarbeiten. Das heißt, wir haben dort täglich am Vormittag beim Zubereiten von etwa 4000 Portionen mitgeholfen. Am Nachmittag fand dann die Essensausgabe statt, die immer sehr unauffällig funktionierte und von Musik begleitet wurde. Außerdem hatten wir auch unser eigenes kleines Projekt am Start. Denn so wie bei den letzten Einsätzen, sind wir auch dieses Mal mit einem Hänger voller Sachspenden nach Griechenland gefahren. Etwa die Hälfte davon waren Windeln und Babynahrung und diese brachten wir zu den Kleinsten im Camp. Wir gingen mit vollbepackten Rucksäcken und Taschen von Zelt zu Zelt und rüsteten die Babys und Kleinkinder mit den Dingen aus. Diese Art der Ausgabe gefiel uns sehr gut, weil wir dadurch immer wieder neue Menschen kennen lernten und auch viel Zeit damit verbrachten, einfach mit den Leuten zu reden und ihre Geschichten zu hören.

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Während der Großteil der Menschen versuchte, in diesem Ausnahmezustand irgendwie ein „normales“, ruhiges Leben zu führen, kam es trotzdem durch kleinere Gruppen zu Ausschreitungen. Auch wir waren einmal davon betroffen, weil eine Gruppe unsere Essensausgabe stürmte und die Menschen, die in der Schlange standen, attackierten. Daraufhin brachen wir die Ausgabe ab. Nachdem sich die Lage beruhigt hat, entschuldigten sich viele Personen bei uns und drückten ihr Unverständnis aus. Ein syrischer Mann, der uns immer bei der Ausgabe half, erklärte uns, dass es am Morgen bereits einen Konflikt zwischen Schlepper und Flüchtlinge gegeben hat und dass dabei entstandene Aggression, anscheinend bei uns weiter ausgelebt wurde. Am nächsten Morgen waren wir bei der Essensausgabe nicht dabei, sondern widmeten uns einem anderen Projekt. Aufgrund der schwierigen hygienischen Situation, entschieden wir uns für die Frauen und Babys Hygienepäckchen zusammen zu stellen. Zum einen kauften wir Feuchttücher, Damenbinden und Zahnbürsten ein und zum anderen konnten wir von Österreich Cremen und Shampoos mitnehmen. Die Babypäckchen beinhalteten noch Schnuller und ein kleines Stofftier. So wie die Windeln, verteilten wir auch diese von Zelt zu Zelt und konnten vielen Frauen eine große Freude damit machen. Vor allem die Feuchttücher und die Damenbinden waren ein wichtiges Gut und boten zumindest ein Minimum an Hygiene. Somit verbrachten wir viele Stunden damit, diese Päckchen, aber auch Windeln und Babyschlafsäcke an die Menschen zu bringen. Dabei beeindruckte uns die Art und Weise, wie die Menschen nach Monaten, hier ihr Leben gestalteten. Nachdem die Zeit viel zu schnell vergangen ist, mussten Sarah und Stefan Idomeni verlassen, während Hanni und Tamara die Arbeit fortsetzen konnten.

Kurz vor der Abreise brachten wir unsere restlichen Spendengüter, Schuhe und Unterwäsche zu dem Team, das das Warehouse betreute. Tamara verbrachte einige Tage gemeinsam mit diesem Team, half beim Sortieren der Kleidung, so dass diese dann Freiwillige übergeben werden konnte, die sie dann im Camp verteilen. So hatten wir auch die Sicherheit, dass unsere Dinge bei den Menschen ankommen. Hanni fokussierte sich währenddessen auf ein eigenes kleines Projekt. Sie startete die Initiative „Spice Talks“ und verteilte an die Leute, die im Camp selbst kochten Gewürze. Diese hatten wir bereits von Österreich mitgenommen. Die Idee dahinter gefiel uns allen sehr gut. Es ging darum, den Menschen in Form von Geschmäckern und Gerüchen ein Stück Heimat zu geben und ihnen auf diese Art und Weise auch ein Stück Menschlichkeit zurück zu geben. Hanni konnte dadurch viele Menschen sehr glücklich machen und wurde oft zum Bleiben und Mitessen eingeladen. Ihre Tätigkeit wurde in einem kurzen Video festgehalten, dass wir sehr empfehlen:

Außerdem hat Tamara einen sehr guten, detaillierten Bericht über die Gesamtsituation im Camp geschrieben, ebenfalls sehr empfehlenswert!

https://www.docdroid.net/s5FSyrM/bericht-aus-idomeni.pdf.html

Dieser Einsatz hat uns wieder gezeigt, welchen Unterschied schon kleine Hilfen machen und dass man in der Art und Weise, wie man Menschen unterstützt auch kreativ werden kann. Und manchmal, ist es am besten einfach mit den Menschen Zeit zu verbringen und ins Gespräch zu kommen. Das ist für uns als Freiwillige jedes Mal eine schöne Erfahrung und den Flüchtenden zeigt es, dass es noch immer Europäer_innen gibt, die sich für sie interessieren und um ihr Wohlergehen bemüht sind. Diese Erfahrungen kann einem niemand mehr nehmen und wir sind sehr dankbar und schätzen es sehr, dass wir sie machen und mit den Menschen teilen konnten. Außerdem ein Danke an unser Team!