Izmir Team 1

13. Juni 2016 – 4. Juli 2016

Unser erste Einsatz in der Türkei und nicht der letzte 😉

Ich (Sarah) bin am 13. Juni gemeinsam mit Sabine in Izmir gelandet und wir wollten die erste Woche dafür nützen, die Flüchtlingssituation in und um Izmir kennen zu lernen. Glücklicherweise konnten wir das medizinische Team (Katrin Römer, Andrea Schwaiger) von MedVint begleiten, die sich um die gesundheitlichen Probleme der Flüchtenden kümmerten. In dieser ersten Woche (Sabine hat mich danach wieder verlassen) bekamen wir einen guten Eindruck und der erste Plan entstand, wie wir hier weiter arbeiten möchten.

Zur Situation vor Ort: In Izmir selbst leben in dem Viertel Basmane viele Syrer_innen, die bereits vor ein paar Jahren geflüchtet sind und dort in billigen, alten Wohnung Unterkunft gefunden haben. Außerhalb von Izmir mitten in den Feldern findet man etwa 20 Camps mit je circa 20 – 80 Personen. Auch dort leben die Menschen zum Teil seit mehreren Jahren. Der Unterschied ist, dass diese Menschen für einen Mindestlohn etwa 10 Stunden am Tag auf den Feldern der Bauern arbeiten und unter furchtbaren hygienischen Zuständen leben müssen. Diese Menschen bekommen vom türkischen Staat gar nichts, deswegen ist das ihre einzige Möglichkeit hier irgendwie zu leben. Da sie auch nicht für die türkischen Krankhäuser und Ärzt_innen zugelassen sind, fährt MedVint an diese Orte und versorgt die Menschen soweit es möglich ist medizinisch. Außerdem gibt es das Team Imece, das die Leute mit dem Notwendigsten wie Lebensmittel versorgt. Mehr Freiwillige gibt es in den Camps nicht! In der Stadt ist die Initiative ReVi aktiv, die z.B. eine Schule für syrische Kinder aufgebaut hat und das Projekt Tohum Foundation, das sich Empowerment der Menschen als Ziel gesetzt hat.

Dass so wenig Organisationen und Freiwillige vor Ort waren, war für mich der größte Unterschied zu den Einsätzen in Griechenland und ein Mitgrund, weswegen wir uns entschieden haben, mit der Aktion länger in Izmir zu bleiben.

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Als dann Georg und Laura am 20.06.2016 ankamen, konkretisierten wir unsere Pläne, wie wir hier vor Ort sinnvoll arbeiten können und was für uns auch möglich ist. Zusätzlich zu unserem eigenen Projekt vor Ort, hat Georg als Krankenpfleger mit MedVint gearbeitet.

Doch unsere Aktion fokussiert sich auf die Arbeit mit den Kindern. Warum? Wir haben hier Kinder kennen gelernt, die hier auf die Welt kamen, Kinder die als Kleinkinder hierhergekommen sind und nun hier groß werden. Alles Kinder, wo man nicht von Schule oder Kindergarten reden muss, weil sie so weit von einer Bildung entfernt sind. Junge Menschen, die so gar keine Förderung bekommen, dass man es sich als Österreicher_in kaum vorstellen kann. Sie machen nichts, außer darauf zu warten, dass sie alt genug sind (8 Jahre), um dann auch auf den Feldern zu arbeiten. Das sind Kinder mit ganz viel Potenzial aber es wird niemals unterstützt. Deswegen gibt es hier zwei Bereiche, in denen wir tätig sind.

Das eine ist die Fähigkeitsförderung der Kids. Angefangen damit, dass die Kinder überhaupt einmal denken, sich konzentrieren und ruhig sitzen über unterstützen der Motorik und Feinmotorik bis hin zu Steigerung des Selbstbewusstseins und der Kreativität. Es gibt hier viele Möglichkeiten, einem Kind zu zeigen, dass es selbst fähig ist etwas zu machen oder herzustellen und diese stolzen Blicke wenn ein Puzzle vollendet wurde, behalte ich noch lange in Erinnerung. Diese Förderung nehmen wir in Form von verschiedenen Spielen wie Memory, Puzzle, Denk- und Rechenspiele etc. in Angriff aber auch mit Hilfe von Bällen, Springschnüren und Gruppenspielen. Außerdem versuchen wir ihnen einfachste Englisch- und Mathematikkenntnisse zu vermitteln.

Diesen Bereich der Fähigkeitsförderung kombinieren wir mit der mindestens genauso wichtigen Gesundheitsförderung, wobei wir hier den Fokus besonders auf die Hygiene legen. Viele Krankheiten entstehen aufgrund der hygienischen Situation und wenn man hier etwas entgegenwirken könnte, wäre das großartig. Beginnen werden wir dabei mit regelmäßigen Zahnputzschulungen und Hygieneschulungen z.B. wie man die Hände richtig wäscht. Im besten Fall erreichen wir dadurch auch Erwachsene, die diese Schulungen in Anspruch nehmen. Diese zwei Arbeitsbereiche verbinden wir damit, dass wir wichtige Dinge mit ins Camp nehmen, die sie z.B. durch Imece nicht bekommen. Dadurch dass wir ja die Menschen und ihre Wohnsituation kennen lernen, wissen wir genau was notwendig ist und können dann diese Dinge verteilen. Bei diesem Einsatz waren das z.B. Sonnencremen, Körpercremen und Bepanthen. Aufgrund der Sonneneinstrahlung auf den Feldern und den Pestiziden leiden viele unter Hautprobleme, hoffentlich helfen ihnen diese Cremen!

Laura Georg und ich fokussierten uns auf 4 Camps, damit es uns möglich war, wirklich kontinuierlich mit den Menschen zu arbeiten. Die Erfahrungen, die wir dabei sammeln konnten, waren vielseitig und vor allem waren ganz ganz viele schöne Momente dabei, weswegen ich noch kurz davon berichten werde. Die Kinder in den Camps sind verschieden, die einen stellen uns vor große Herausforderungen, was vor allem auch an der großen Anzahl der Kids liegt, während es in anderen Camps richtig gemütlich und entspannt abläuft. Einmal hat uns ein Vater gesagt, dass es das erste Mal ist, dass jemand kommt und sich mit den Kindern beschäftigt und sie sind bereits seit 3 Jahren in der Türkei. Das hat mich sehr berührt und mir wieder gezeigt, wie wichtig diese Arbeit ist. Außerdem erklärt das das Verhalten der Kinder, die so eine Art der Beschäftigung einfach nicht gewohnt sind. Man konnte auch bemerken, dass es von Mal zu Mal leichter wurde, mit den Kindern zu arbeiten.

Auch die Eltern der Kinder waren sehr glücklich über unsere Besuche, weswegen wir mehrmals zum Essen oder zumindest Tee eingeladen wurde. Es ist schön diese Menschen kennen zu lernen. Menschen, die alles verloren haben, unter Tags bei 40° am Feld arbeiten und die ihren Kindern keine Bildung bieten können und trotzdem, am Ende des Tages sitzen wir zusammen, unterhalten uns und haben Spaß. Diese Herzlichkeit und Freundlichkeit habe ich selten in Österreich erlebt. Ich bin beeindruckt von ihnen und wenn wir ihren Kindern nur ein bisschen was mitgeben können, dass sie zumindest schon einmal einen Stift in der Hand hatten und wissen was zu tun ist oder sich zumindest schon einmal an Regeln halten mussten, dann ist schon etwas passiert, worauf man aufbauen kann.

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Unser Einsatz wurde ab 4. Juli von David und Viki fortgesetzt und wir freuen uns, zwei so motivierte Freiwillige im Team zu haben! Wie bereits erwähnt hat sich Georg während des Einsatzes in Izmir dem medizinischen Team von der Organisation Medvint vorrübergehend angeschlossen, weil er aufgrund seiner Profession als Krankenpfleger die medizinische Versorgung unterstützen wollte. Zwei Wochen lang Mitarbeit in einem Team, das sich diese Arbeit völlig selbst organisiert. Ich (Georg) hatte die Ehre, mit OA. Dr. Katrin Römer aus der Schweiz, Dr. Jun und Dr. Ranmeet aus Malaysien, der Hebamme und „crazy mama“ Michelle Ruebke aus Kansas und dem translator Hasan aus Syrien zu arbeiten. Diese Leute haben jeden Tag ihr Bestes gegeben, und besitzen nebenbei einen gesunden Verstand von Witz und Humor. Wahrscheinlich das einzige, das uns von den Schicksalen der Syrer etwas runterholt. Konkret fuhren wir von Camp zu Camp, meistens 2-3 am Tag. Einmal die Woche im syrischen Viertel Basmane in Izmir, wo wir auf Hausbesuche gingen. Die Camps befinden sich 1 bis 1,5 Autostunden außerhalb von Izmir, wir sind also jeden Tag ca. Linz-Kirchdorf gefahren und retour, die Spritkosten haben wir uns geteilt. Flüchtende haben in der Türkei keinen Zugang zum Gesundheitswesen, sie werden aus den Krankenhäusern rausgeworfen. Medvint ermöglicht diese Versorgung zumindest für einige Hunderte. Wir haben versucht, jeden Tag zumindest 3 Standorte zu schaffen, was uns nicht immer gelang. Die Arbeitsdauer in den Camps war immer unterschiedlich, je nach der Anzahl der erkrankten Menschen. Zum Beispiel hat uns ein Camp fast 5 Stunden in Beschlag genommen, in einem anderen haben uns die Flüchtenden zum Gegensatz versichert, dass hier keine medizinische Hilfe benötigt wird. Mich erstaunen diese Leute bis heute, dass sie in ihrer aussichtslosen Lage keine zusätzlichen Ressourcen von unserem Inventar ausgenutzt haben.

Ich habe in den letzten zwei Wochen viel gesehen und erfahren, wie z.B. schlechte Versorgung sowie mangelnde Hygiene- und Arbeitsbedingungen einen Menschen zugrunderichten können. Es ergeben sich so viele medizinische Probleme aus diesen Umständen. Entzündungen und Infektionen aller Art, Augen- und Hautschädigungen durch mangelden UV-Schutz und Chemikalien am Feld, Karies, Allergien, Durchfälle, Schafbladern, Schmerzen aller Art, Regelprobleme, Husten, Schwangere. Leider haben wir keine Pillen gegen Perspektivslosigkeit. Die blitzt hin und wieder auf, wenn wir mit den Kindern Spiele spielten und sie zum Lachen brachten. Oder sie uns! Diese entzückenden Zwerge im sog. Cheese-camp (die machen Käse dort). Werd sie nie vergessen, schätz ich mal.

Viele Erkrankungen und Leiden entstehen, weil die mangelnden Hygiene- und Arbeitsbedingungen so schlecht sind. Das sind zum Beispiel Karies, Hautschädigungen- und Infektionen durch schlechte Hygiene, Sonnenbrände und Augenschädigungen durch mangelnden UV-Schutz, Schmerzen alle Art, besonders chronische Rückenschmerzen durch die schlechten Arbeitsbedingungen. Schnittverletzungen, Kreislaufkollaps durch Hitze, Asthmaanfälle durch die Arbeit auf Baumwohllplantagen.. wir haben viele unterschiedliche Probleme behandelt. Ich hab erfahren, wie gastfreundlich Menschen sein können, obwohl sie selbst nichts haben. Iss bloß nicht das Brot auf, du bekommst ein neues. Trink bloß nicht den Chai auf, nur bis zur Hälfte, sonst bekommst du einen neuen. Diese Herzlichkeit ist überwältigend.

Ich habe erneut erfahren, wie skrupellos Menschen sein können. Diese Leute werden von den Landlords und Landwirten als billige Arbeitskräfte ausgenutzt, Recht oder Unrecht verschwimmt zusammen in einer hässlichen Wolke. Warum muss es nur so passieren? Nach der Flucht in die Türkei, sofern die Syrer diese überlebt haben, werden sie von sog. Commissionars aufgegriffen. Diese Kriminellen vermitteln die Leute an Landlords ins ganze Land, sie werden anschließend mit LKW abtransportiert. Es werden Frauen und Kinder bevorzugt, die sind billigere Arbeitskräfte. Arbeiter_innenrechte? Arbeitsschutz? Gar nichts. Das ist ein Netzwerk von Kriminellen, die die Hoffnungslosigkeit der Syrer schamlos ausnutzen. Nach dem sich die Lage in Syrien stabilisiert, werden sie zurückgehen. Nach Europa will keiner mehr. Die Syrer leben in kleinen Camps zwischen den Feldern, durchschnittlich 50 Personen. In provisorische Hütten hingepfercht, leben im Dreck. Was soll man sagen.. Es passiert soviel Schreckliches in der Türkei. Unser translator Hasan bringt uns mit seinem Humor zum Glück auf anderen Gedanken, er ist ein witziger Typ. Danke dafür.

Mir hat diese Arbeit in Izmir sehr Spaß gemacht, wir haben dort alle gute Freunde gefunden. Das war meine Geschichte, obwohl es viel mehr zu erzählen gäbe. Ich hoffe, dass ich für die Leser und Leserinnen einige interessante Einblicke in unsere Arbeit geben konnte!