Izmir Team 3

16. Oktober 2016 – 9. November 2016

Hallo liebe Leser!

Ich (Georg) war wieder in Izmir und hab einiges zu berichten. Zuerst einmal näheres zur unserer Arbeit hier. Zusammen mit dem Einsatzteam der med. Organisation MedVint fuhren wir wieder von Camp zu Camp und versuchten, die Menschen möglichst professionell zu versorgen sowie die Lebensqualität zu verbessern. Das Einsatzteam bestand diesmal aus der DGKS Lise aus Frankreich, der selbstständig praktizierenden Hebamme Kelsey aus Oregon, der DGKS Andrea Schweiger aus Tirol und mir, mittlerweile auch DGKP. Nach wie vor entstehen die meisten Erkrankungen aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen auf dem Feld, den hygienischen Zuständen im Camp und dem Wissensdefizit zur Vorbeugung. Posttraumatische Belastungsstörungen von dem Krieg und der Flucht haben hier auch einen besonderen Stellenwert. Wir versuchen, Probleme zuerst ohne Medikamente und Behandlungen zu lösen – das beginnt mit Patientenedukation, Gruppenschulungen, Aufklärung. Hilfe zur Selbsthilfe, sozusagen.

Seit meinem letzten Einsatz im Juni/Juli hat sich hier einiges verändert: einige Camps gibt es nicht mehr, neue sind entstanden. Viele Menschen und Familien wechseln ihren „Wohnort“, seitdem die Saison in den Plantagen vorbei ist. Es gab eine Strömung nach Ankara und in den Osten der Türkei, wo die Menschen während des Winters eine andere Arbeit gefunden haben. Das Resettlement wird von den Familien selbst beschlossen, ist aber weder einfach, noch gewollt. Oftmalig sind Kinder die Opfer des ständigen Wohnortwechsels, da es eine psychische Belastung darstellt. Das Umfeld und die Herausforderungen ändern sich, das gewohnte Leben wird wieder verlassen. Auch für die Erwachsenen ist die ständig ungewisse Situation sehr belastend, einige brachen vor uns in Tränen aus, während unser Übersetzer und guter Freund Hasan sie nach ihren Problemen befragt. Hier ist Nähe und Empathie gefragt. Ich merkte jeden Tag, wie sehr hier professionelle Unterstützung benötigt wird, von PsychotherapeutInnen bis ErgotherapeutInnen, von Kardiologen bis Pädagogen.

Auch innerhalb von der Organisation MedVint hatte sich einiges verändert. Anstatt die Menschen einzig und allein in den Camps zu versorgen, gibt es mittlerweile bestehende Verbindungen zu Ärzteschaften, die Syrier nicht pauschal abweisen. Wir hatten quasi endlich die Möglichkeit, z.B. bei gynäkologischen Problemen auf Gynäkologen zurückzugreifen. Wenn Menschen dringend Fachärzte benötigen, kümmern wir uns um einen Termin und versuchen, alles zu organisieren. Die Fahrt vom Camp in die Großstadt, alle Dokumente, die Anmeldung, Begleitung im KH. Obwohl es ein wichtiger Fortschritt für unsere Arbeit ist, gibt’s oft Schwierigkeiten: es gibt Verspätung bei der Fahrt, ein Arzt ist nicht auffindbar, und und und. Die Wartezeiten sind in den Ambulanzen extrem lange, ein Fall bedeutet ein Tag Begleitung. Deswegen muss ein Tag in den Camps ausgelassen werden, der Rest vom Team ist arbeitslos. Das ganze bereitet auf Dauer mehr Kopfweh, als es Probleme lösen könnte. Wir haben aber oft keine Wahl, da gewisse Fälle sofortige Vermittlung in KHs erfordern. Die Wartezeiten und das institutionelle „Verstecken“ der Ärzte sind das Hauptproblem, meinte Hasan. Die Tabuisierung von der Unterstützung Schutzsuchender umfasst nämlich auch besonders in der Türkei weite Kreise der Öffentlichkeit. Hasan berichtete von vielen Ärzten, die diese Hilfe nicht ohne Angst um ihren Arbeitsplatz leisten können. Meistens wird es wegen dem Risiko vermieden, andere Kollegen um Konsil zu bitten.

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Abseits von den Belastungserscheinungen und Krankheiten gibt es auch viele schöne Momente hier. Im sog. „Cliff Camp“ (fünf Meter neben dem Stacheldrahtzaun geht eine Steilwand hinab) ist damals eine neue Gruppe von SyrerInnen angekommen, die monatelang auf der Flucht waren. Eine Frau berichtete uns, dass ihr Mann ihr Neugeborenes am selbigen Tag zum ersten Mal gesehen hat. Sie hat mit ihrem Kind mehr als ein Monat vor der türkischen Grenze auf die Chance gewartet, um durchzukommen. Dort müssen sich die Flüchtenden vor Selbstschussanlagen verstecken und Tunnelsysteme zur Flucht benutzen, wie uns Hasan erzählt. Als wir mit ihr redeten, merkt man von all dem gar nichts. Sie ist nur glücklich, bei ihrem Mann in Sicherheit zu sein. Ein ganz besonderes Gefühl, ihnen in ihrem seltenen Glück gegenüberzusitzen.

Ein anderes Problem ist auch die oft missbräuchliche Nutzung von Fertigmilchprodukten für Säuglinge, welche auf Dauer sehr gefährlich für diese ist. Wenn ein Kind nur oder zu oft von dem Milchersatz ernährt wird, kann es z.B. eine drastische Schwächung der Darmflora und somit des Immunsystems entwickeln. Das hat die Folge, dass diese Kinder an krankhafte Erscheinungen des Verdauungstraktes leiden, wie z.B. Durchfäll. Es war deswegen nicht leicht, den geplagten Kindern zuzusehen. In der Vergangenheit hat der Milchersatz gelegentlich sogar zum Tod von Säuglingen geführt, wenn andere schädigende Einflussfaktoren – wie z.B. eine aktuelle Magen-Darm-Grippe – dazukommen Wir haben zur Beseitigung dieses Problems ein Langzeitprojekt gestartet, das hauptsächlich auf Edukation und Aufklärung der Mütter beruht sollte. Während meines Einsatzes waren wir hauptsächlich mit der Datenerhebung beschäftigt, die sich mit den Motiven und Hintergründen der Beschaffung von Fertigmilchprodukten befasst. Wir haben folgendes erfahren: Jedes Camp hat seinen eigenen Tenor über Fertigmilch. Einige nehmen es missbräuchlich, weil ihnen große Versprechungen gemacht worden sind, andere haben keine andere Wahl und wissen über den vorteilhaften Gebrauch von Stillen Bescheid. Unsere Handlung danach war es, mit simpler Edukation von unserer Hebamme Kelsey gegen diese Entwicklung vorzugehen und Wissensdefizite über Stillen aufzubessern. Viele Mütter sorgen sich jetzt vorbildlich um ihr Kind!

Ich muss an dieser Stelle auch einige echt tolle Initiativen unbedingt erwähnen. Unterstützung lässt sich von den VoluntärInnen der ReVi-Group aus Izmir finden, die alle möglichen Arten von Hilfe anbieten, neben Sozialarbeit auch Unterricht für syrische Kinder. Es gibt mittlerweile ReVi-Schulen für alle! Einige Familien finden auch Kontakt an gemeinschaftlichen Projekten von unserem Freund Bara, der ihnen z.B. die Möglichkeit gibt, handgemachte Accessoires aus Leder, Teppichen und Steine herzustellen. Dieses Projekt heißt Tohum Foundation. Genau wie es unserer Voluntär David in der Vergangenheit gemacht hat, haben wir eine große Warenlieferung mitgenommen, um sie in der kommenden Vorweihnachtszeit gegen Spenden zu verkaufen. Diese Produkte findet man u.a. in der Diashow weiter unten.

Nun zu einem besonderem Hoch: wir hatten in meiner letzten Einsatzwoche eine Hausgeburt in Menemen! Mutter und Kind geht es gut. Das Kind ist sogar mit vollständiger Fruchtblase zur Welt gekommen, was extrem selten ist. In vielen Kulturen galt und gilt es bis heute als besonderes Glückssymbol. Wir wünschen dem Kind das Beste!

Ein anderer, großer Fortschritt ist die Möglichkeit, endlich Labordiagnostik im Camp durchzuführen. Wir haben im Bezirk Alsancak ein Privatlabor gefunden, dass unsere Fälle von nun an bearbeitet! Das erlaubte es uns, endlich genauer diagnostizieren zu können. Ein Blutbild kostet lediglich ein paar türkische Lira – das ist für uns einfach nur super, weil die Werte uns viele Informationen über den tatsächlichen gesundheitlichen Zustand geben. Wir konnten z.B. auch letztens eine verlorene Schwangerschaft bestätigen oder eine an Toxoplasmose erkrankte Frau kontrollieren. Diese Frau ist zurzeit aber sehr gefährdet, weil ihr Risiko einer Gebärmutterentzündung sehr hoch ist. Wir haben damals den Angehörigen einen Fieberthermometer hinterlassen, um bei Fieber sofort die Rettung zu rufen – sie würde damit in einen lebensbedrohlichen Zustand geraten. Ich muss an dieser Stelle Hasan zitieren: „What do you think, will happen then? They will give her paracetamol and kick her out oft he hospital“. Leider hatte er verdammt recht. Wir mussten manchmal im Spital begreifen, dass wir tatsächlich die einzigen sind, die den Leuten helfen wollen. Das gibt einem ein beklemmendes Gefühl.

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Was denk ich mir bei unserer Arbeit in Izmir?
Meine persönlichen Gedanken über die Situation der Menschen hier lassen sich in einer generalisierten Ohnmacht beschreiben. Wir sind ohne jeglicher Rechtsgrundlage als medizinisches Team unterwegs und versuchen denen zu helfen, denen keiner helfen will. Ich bin mir sicher, dass das nicht ungefährlich ist. Das verpasst einem bei den mittlerweile häufigen Polizeikontrollen ein mulmiges Gefühl. Dennoch muss es sein. Ich würde sehr gerne gegen das türkische Regime auf offener Straße protestieren, wohl wissend, wie dumm das wäre. Unsere Wut, unser Wille, die zerstörerischen Prozesse in der Türkei zu beenden ist immens. Trotzdem ist es klügsten, dieser Ungerechtigkeit mit Hilfe entgegenzukommen. Das ist unser stiller Protest.

Ich bin ich sehr froh, wieder mehr als 3 Wochen in Izmir gewesen zu sein! Es war wieder eine wahnsinnig aufregende Erfahrung, ich habe viele neue Freunde dort gewonnen. Ich hoffe, dass ihr, die Leser unserer Berichte, einen besseren Einblick in die dortige Situation bekommen hattet und bitte euch, diese Botschaften weiter tragen. Der eben verstorbene Musiker aus Kanada Leonard Cohen sagte einmal:

„Hoffnung ist viel zu passiv. Wir brauchen Willen“.

Ich glaube das auch.